Zu Beginn der 80er Jahre waren die europäischen Musikcharts geprägt von Produktionen aus den USA. Diese Musik teilte sich in die klassischen Stilrichtungen ROCK und POP auf, wobei die Grenzen sicherlich fließend sind.

Zwar gab es national immer wieder den ein paar Künstler, die den Sprung in die heimischen Charts schafften, aber der internationale Erfolg blieb meistens aus. Zumindest aus deutscher Sicht kann man sagen, dass die Musikwelt zu Beginn der 80er von Titeln aus den USA und Großbritannien dominiert wurde. Erst die “Neue Deutsche Welle” sollte diesen Zustand ändern.

An Italo Disco dachte bei der Einführung von NDW noch niemand in Deutschland. Die Italo-Welle sollte uns erst später ergreifen.

Die Wurzeln der Italo-Musik lagen natürlich in Italien. Einer der Väter von Italo Disco (wenn nicht sogar der Urvater) ist MAURO FARINA. Seine Geschichte darf man deshalb auch mit der Geschichte von Italo Disco gleichsetzen.

Mauro Farina stammt aus der italienischen Stadt Brescia. Schon als Kind zeigte Mauro ein unersättliches Interesse an der Musik. Bereits als 6-jähriger kannte er alle Songs der Beatles. Nachdem er im Alter von 8 Jahren seine erste Gitarre von seinen Eltern bekam, bestand sein Leben fortan nur noch aus Musik. Mit 11 gründet er seine erste eigene Band, mit 19 trat er der Gruppe CARAVAN bei, die später eine der begehrtesten Bands Italiens wurde.

1975 traf Mauro Farina den Pianisten GIULIANO CRIVELLENTE. Die beiden Künstler verstanden sich von Anfang an sehr gut und sie beschlossen, eng zusammenzuarbeiten. Unter dem Namen DALTON performten sie zahlreiche italienische Popsongs.

1979 entdeckte Mauro zwei Künstler, die seine “Dance-Kreativität” nachhaltig beinflussen sollten. Es waren die Amerikaner BOBBY ORLANDO und PATRICK COWLEY. Deren unglaublicher Power-Sound hypnotisierte Mauro derartig, dass er die Energie, die von diesem Sound ausging förmlich einfing. Mauro war so fasziniert von seiner “Entdeckung”, dass er seinen Partner Giuliano förmlich damit ansteckte. Das Resultat dieser gemeinsamen neuen Leidenschaft war ein Dance-Track namens “You And Me Tonight”. Dieser Titel war die erste Farina/Crivellente-Gemeinschaftsproduktion und darf als Beginn der Italo-Ära verstanden werden.

1981 richteten Mauro und Giuliano das FACTORY SOUND STUDIO ein und gründeten die Firma S.A.I.F.A.M.

1982 trafen Mauro und Giuliano den Toningenieur SANDRO OLIVA und die drei entwickelten sich zu einem dynamischen Team. Zeitweise arbeiteten sie mit anderen Produzenten, wie CLAUDIO CATTAFESTA und GINO CARIA zusammen.

Sandro Oliva schrieb die erste Produktion von KEN LASZLO namens “Hey Hey Guy”. Der Titel war ein Riesenerfolg mit weltweit mehreren hunderttausend Platten. Interessanter Weise wurde der Titel erst lange Zeit nach seiner Entstehung veröffentlicht. Keiner der Distributoren glaubte an das Potential dieses Songs. Die Zeit belehrte sie eines Besseren.

Daraufhin rissen sich die italienischen Distribotoren förmlich um Mauro & Co. Mauro und Giuliano entschieden sich für die Zusammenarbeit mit GONG MUSIC, DISCOMAGIC, DISCOTTO und BEST MUSIC. Zwischen 1982 und 1985 produzierten sie für diese Firmen unzählige Dance-Tracks, die sich zu wahren Discotheken-Kracher entwickelten. Farina & Crivellente wurden unter Kennern sehr berühmt – in Deutschland u.a. mit “Toc Toc Toc” von MIKO MISSION.

Parallel gründeten Mauro und Giuliano eine neue Firma namens TIME RECORDS zusammen mit GIACOMO MAIOLINI. Dank Giacomo wurden Mauro & Giuliano zu den herausragenden Meistern der italienischen DanceMusic. Kein anderes Label der Szene hatte soviel Erfolg zwischen 1983 und 1987, wie TIME RECORDS. Während dieser vier Jahre produzierten sie unzählige Dance-Hits, die auch von DJs außerhalb Italiens gespielt wurden. Die erfolgreichsten Titel aus der Soundschmiede von Time Records findet ihr hier.1985 entwickelte sich eine enge Freundschaft zu den DJ-Produzenten MARCO BRESCIANI und PAOLO GEMMA. Mit ihnen wurde die erfolgreichste Italo-Gruppe aller Zeiten ins Leben gerufen: RADIORAMA. Die Tracks von Radiorama eroberten die Spitzenpositionen der Charts in der Schweiz, in Japan, den Beneluxländern, Skandinavien, Mexico, Hongkong, Singapur, Kanada, Thailand, Australien, Spanien, Österreich und sogar im biederen Deutschland. Titel wie “Yeti” und “Aliens” machten das Team Farina/Crivellente zu “Kings of Italian Dance”.

1986 gründeten Mauro und Giuliano mit dem deutschen FLORIAN FADINGER eine weitere Firma. Florian wurde durch sein Projekt OFF und dem Titel “Electric Salsa” bekannt. Inspiriert von asiatischen Ideen und der japanischen Kultur nannten sie die neue Firma ASIA RECORDS. Sie veröffentlichten die Songs “Don’t Stop” von ROSS und “Take A Chance” von MALCOM J HILL auf dem asiatischen Kontinent. Die Asiaten, allen voran die Japaner, waren so begeistert von dieser Musik, dass diese beiden Titel im Handumdrehen die Charts auf dem gelben Kontinent eroberten. Das Produzententrio Farina/Crivellente/Fadinger (FCF) wurde so berühmt, dass das FCF-Markenzeichen sogar auf Flaschen, Regenschirme, Shirts, Luftballons usw. gedruckt wurde. Selbst auf Autos wurde das Bild der drei Produzenten lackiert – ein unglaublicher Erfolg! Mehr als 8 Millionen Alben und mehrere Millionen Singles wurden zwischen 1986 und 1991 auf dem asiatischen Markt verkauft – insgesamt erhielt das FCF-Team 11 goldene Schallplatten und 3 mal Platin in Japan. Eine kleine Auswahl der Asia-Songs findet ihr hier.

Während der Asia-Area beschlossen Mauro und Giuliano ein drittes Studio einzurichten. Dort arbeiteten sie mit JOHNNY DI MARTINO und FABIO SERRA zusammen und nannten sich THE FACTORY TEAM. Dieser Schritt sollte die Zukunft von S.A.I.F.A.M entscheidend prägen.

THE FACTORY TEAM produziert noch heute Songs, die wie die guten alten Italos klingen. S.A.I.F.A.M. ist so zum Geheimtip unter den Anhängern der Italo-Musik geworden. Unter www.saifam.com gibt es unzählige Compilations zu kaufen. Teilweise kann man sich die Titel auch anhören, wobei das Soundarchiv leider immer weniger “echte” Italos enthält. Die S.A.I.F.A.M.-Preise sind allerdings ziemlich gesalzen. Einige der dort angebotenen Compilations gibt es auch beim MUSIC GARDEN der deutschen Italo-Plattenfirma ZYX zu kaufen – ein Preisvergleich lohnt sich auf jeden Fall!

ZYX war Mitte der 80er Jahre die einzige deutsche Plattenfirma, die sich mit der Italo-Szene auseinandersetzte. ZYX wurde damit zum Maindistributor der Italo-Disco-Musik weltweit. Der Großteil aller Italos wurde von ZYX vertrieben. Firmengründer BERNHARD MIKULSKI hat sich nie als Massendistributor gesehen. ZYX sollte ein Label für Künstler werden, die eher unkonventionelle Musik, auch gegen Chart-Trends, machten. Dank seiner Entscheidung für Italo Disco ist ZYX heute eines der erfolgreichsten Independent-Labels überhaupt.

Leider habe ich bisher keine genauen Informationen darüber, wie die Zusammenarbeit S.A.I.F.A.M./ZYX tatsächlich ausgesehen hat. Ich bemühe mich aber, dies zu recherchieren. Sollte jemand von euch mehr wissen, würde ich mich über eine E-Mail sehr freuen!

Die ausführliche Erfolgsstory von Mauro Farina und Giuliano Crivellente kann man übrigens im 90-seitigen Booklet der auf 500 Exemplare limitierten CD-Box “The Golden Years” nachlesen. Wer also das Glück hat, eines dieser höchst seltenen Exemplare zu ergattern, findet dort neben vielen Bildern, die die Stationen von Mauro, Giuliano und deren Weggefährten zeigen, auch eine Danksagung an alle treuen S.A.I.F.A.M.- und Italo-Fans, die sogar namentlich benannt werden.